Das Klaviertrio Würzburg „Live in München“ – eine neue hörenswerte CD
Von Günter Katzenberger
Nach Jahren regen Konzertierens gibt es vom Klaviertrio Würzburg wieder eine CD – und zwar sogar „Live in München“. Nun wird ein solches Klangdokument gern verglichen und an früheren gemessen. Und dabei spielt eine wohl überlegte Programmwahl keine geringe Rolle. Selbst die nicht seltene Kombination unbekannter mit längst klassischen Werken erscheint auf dieser Aufnahme keineswegs schematisiert, sondern beziehungsreich bis hintersinnig; handelt es sich doch um das einzige Klaviertrio eines quasi „Spätestromantikers“, Hermann Zilcher, im Vergleich mit dem zweiten Trio seines großen Vorbildes, Johannes Brahms.

Bei einem in Würzburg beheimateten Ensembles liegt es natürlich durchaus nahe, die dominierende Gestalt im Musikleben dieser Stadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Wort kommen und verdienstvoll aus dem musikgeschichtlichen Dunkel des Vergessens heraustreten zu lassen. Dahinter wird aber auch hörend erkennbar, welche Wirkung und substanzielle Weiterentwicklung Brahms‘ Komponieren noch zur Zeit der ‚Moderne‘ und der Anfänge der ‚Neuen Musik‘ ermöglicht hat – in Zilchers Werk von 1928. (Es war jenes Jahrzehnt, in dem selbst der „Revolutionär“ Arnold Schönberg wieder zu klassischen Formen zurückkehrte und Brahms zum „Fortschrittlichen“ erklärt hatte: „Brahms the Progressive“.) Spätestens hier darf der Leser zu Recht vermuten, daß er beim aufmerksamen Hören einiges in dieser Richtung entdecken kann, was nicht zuletzt durch die Qualität der Interpretation vermittelt wird.

Hermann Zilchers Trio e-moll op. 56 verrät den versierten Trio-Pianisten (das „Zilcher-Trio“ hatte seinerzeit einen klangvollen Namen); der langjährige Direktor des Würzburger Konservatoriums hat schon formal kein rein akademisches Werk zur Gattung beigesteuert: nur zwei umfangreichere, „Ruhig fließend“ bzw. „ruhig schreitend“ beginnende Sätze gehen fast ineinander über. Der damit geforderte große Spannungsbogen gelingt den Interpreten wohl schon deshalb so überzeugend, weil ihre Erfahrung mit groß dimensionierten Trios (Reger etwa) über Jahre wachsen konnte. Daher wirken auch rasche Charakterwechsel, lange Steigerungen und verhauchende Schlüsse („pppp“ im 1. Satz) immer integriert und folgerichtig. Dies gilt wohl besonders für den „Volkston“ der vielfältigen Variationen des zweiten Satzes. Mit der differenzierten Gestaltung aller dieser Charakteristika wird eine bekannte Tatsache erneut bestätigt; daß nämlich die Wiederbelebung eines (zu Unrecht) vergessenen Komponisten und seines Werks nur bei uneingeschränkt überzeugender Interpretation erfolgreich sein kann.

Schon die verschiedenen Schattierungen dunkler Klangereignisse im 1. Satz – von äußerst tiefem Register bis zu düsterer Leidenschaft – gewinnen vor allem durch klare Tongebung (wohldosiertes Klavierpedal) ein eigenständiges Profil, wovon sich dann die Steigerungen und Höhepunkte abheben können. Diese klangliche Klarheit (unterstüzt von der Aufnahmequalität in der Live-Situation) läßt schließlich auch das walisische Liedthema des 2. Satzes nicht zu schwerblütig wirken und die Eigencharakterisitik der heiterer beschwingten Variationen und der leicht impressionistisch gefärbten Passagen aufleuchten.

Damit verdient diese ‚Wieder-Vorstellung‘ des Werks mehr als nur pauschale Anerkennung.

Ganz anders tritt dann Brahms‘ großes viersätziges, weitgehend aufgehelltes C-Dur-Trio op. 87 – nach jahrzehntelanger ‚Pause‘ des Komponisten in dieser Gattung – als längst klassisches Werk in Erscheinung, bei dem sich die Interpreten individuell gegenüber mehreren überzeugenden Einspielungen bewähren müssen. Und dabei ist dann zu spüren, daß dieses Trio wohl schon länger im Repertoire erprobt wurde. Dennoch bleibt es doch immer ein Wagnis, ein Spätwerk dieser Dimension ‚live‘ im Konzert aufzuzeichnen. Da können kleine Schwankungen in der Klangbalance fast nicht ausbleiben, wenn etwa das Cello einmal etwas ‚diskret‘ bleibt gegenüber dem Klavier oder ein Übergang weniger ruhig, als vielleicht vorgesehen, gerät. Aber was zählen solch minimale Einschränkungen gegenüber dem leidenschaftlichen Schwung des Eingangssatzes, den weiten Bögen des sehr getragen angestimmten Andante, der leicht dahinhuschenden ‚mendelssohnschen‘ Charakterisierung des Scherzos und dem wirkungsvoll launigen Finale. Hier dringt eben der gestalterisches ‚Live‘-Impuls im besten Sinne durch – und läßt den Hörer die Bravorufe nach dem Schlußakkord voll und ganz mitvollziehen.

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