Kammermusik in Hochform: Das Klaviertrio Würzburg
Dr. Günter Katzenberger, in:
SV-Zeitung, 12/2004
Genau betrachtet herrscht ja wirklich kein Mangel an guten bis herausragenden Klaviertrio-Formationen im derzeitigen Musikleben; und dies, obwohl die Gattung selbst doch als typisch für das 19. Jahrhundert und deshalb in der Neuen Musik des 20. als überholt und unmodern gegolten hat. Da will es schon etwas heißen, wenn sich ein Ensemble bei der starken Konkurrenz vor allem junger Kammermusikgruppierungen einen substantiellen Zugriff auf diese heikle Klangkombination (Streicher+Klavier) und damit ein eigenständiges Profil erarbeiten konnte.

Zu diesen – wiederum nicht ganz so zahlreichen – Ensembles dürfte inzwischen auch das Klaviertrio Würzburg zu rechnen sein, genauer: der Cellist Peer-Christoph Pulc und die Schwestern Katharina und Karla-Maria Cording, Violine und Klavier. Wie so oft, haben sie sich an gemeinsamen Studienorten (Würzburg, Hannover) konstituiert und dann zielsicher in der künstlerischen Arbeit mit namhaften Kammermusik-Pädagogen (etwa Menahem Pressler und Hatto Beyerle) weiterentwickelt.

Welche beachtliche, sicher nicht nur geradlinige Wegstrecke sie dabei zurückgelegt und welch hohen Stand anspruchsvollen Zusammenspiels sie heute erreicht haben, konnte man in einem begeistert aufgenommenen Konzertabend am 1. Dezember 2004 im großen Konzert- und Theatersaal der Hochschule für Musik und Theater Hannover erkunden. Zusammenfassend läßt sich vorweg sagen, daß dieses Trio einen ebenso ernsthaften wie ernst zu nehmenden Weg der Gestaltung gefunden hat, der die durchweg ambitioniert ausgewählten Werke mehr von innen durchdringt und gänzlich ungekünstelt oder klanglich „auffrisiert“ nach außen zu bringen weiß; und zwar so, daß die Zuhörer nicht von aufgesetzter Brillanz, sondern von der kompositorischen Ausarbeitung der Themen und ihren Ausdrucksqualitäten erfaßt und rasch in ihren Bann gezogen werden. Daß dabei, trotz durchaus individueller Tongebung, klangliche Balance (keinesfalls eine Dominanz des Klavierparts) und gut harmonisierendes Wechselspiel zusammentreffen, versteht sich fast von selbst.

So geriet eines der wenigen Moll-Kammermusikwerke Haydns, das Trio e-Moll, Hob. XV:12, spätestens von der Reprise des ersten Satzes an zu einem anschaulichen Beispiel für beredtes, auch überraschendes und im Finale witziges Spiel mit Tönen und Motiven.

Nach diesem Prüfstein für „verständiges“ Gestalten folgte gleich der nächste: Brahms‘ aus verschiedenen Gründen nicht gerade oft gespieltes C-Dur-Trio op. 87. Hier machte sich vor allem das durchlässige, ganz und gar durchgehörte Wechselspiel der einzelnen Instrumenten-Profile bemerkbar, das es gestattet, ein klar linienbetontes, also eher schlankes, und dennoch glanzvolles Klangbild zu entfalten. Von dieser bemerkenswert gefestigten Grundlage aus ließen sich dann die Kantabilität des Andante und die Beweglichkeit des Scherzo souverän ausformen, bevor mit dem Finale das Publikum durchaus bravourös (es gab Bravorufe) in die Pause entlassen wurde. Zum Abschluß folgte schließlich eine echte Entdeckung – zumindest für den größten Teil der Zuhörer: Max Regers äußerst selten gespieltes Trio e-moll op. 102, ein ebenso monumentales wie überraschungsreiches, aber eben auch schwieriges Werk, welches öffentlich zu präsentieren heute fast schon einer Pioniertat gleichkommt. Wiederum machte sich dabei trotz aller Ausdrucksintensität die gezügelte und beherrschte Klangbalance nicht nur geltend, sondern wurde zur Voraussetzung, ohne die dieses Stück bei den Hörern womöglich Verwirrung oder sogar Unverständnis hervorrufen könnte. So wirkte nach dem Riesenkomplex des Eingangssatzes die fragile, tonal weit fortgeschrittene Luftigkeit des Scherzo wirklich konsequent, ebenso wie nach dem verinnerlichten Largo die Explosivität des Finalsatzes. Die innere Konzentration und gestalterisch hellwache Ausdauer mit der diese klingende Monumentalarchitektur veranschaulicht wurde, beeindruckte das Publikum so sehr, daß trotz der beträchtlichen Anstrengung auf beiden Seiten noch drei Zugaben verlangt wurden.

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