Unvergeßlich schöner Abend
Rudolf Potyra, in:
Neue Presse Coburg 4.10.2006
Die Würzburger Künstler warteten mit einem der schönsten Rathauskonzerte auf, an die ich mich erinnern kann. Katharina Cording, Violine, Peer-Christoph Pulc, Violoncello, und Karla-Maria Cording, Klavier, musizieren seit 2001 zusammen. Seitdem haben sie sich ein Repertoire von etwa 50 Werken aus dem ganzen Spektrum der Trio-Literatur erarbeitet. Ein Konzert in der Würzburger Residenz war zugleich Debüt und Start für eine Karriere, die sie über Würzburg hinaus in zahlreiche europäische Länder führte und die ihnen – davon bin ich überzeugt – in absehbarer Zeit weltweit die Konzertpodien öffnen wird.

„Imponierende und temperamentgeladene Virtuosität“, „jugendlich unbeschwerte, unmittelbar ansprechende Musizierfreude“ – mit diesen und ähnlichen Prädikaten hat die Fachkritik die Konzerte des Klaviertrio Würzburg kommentiert; Urteile, die der Neustadter Auftritt des Ensembles voll und ganz bestätigte. Das Gestaltungsvermögen war bewundernswert; sei es im formalen Aufbau der einzelnen Sätze, die überlegt und zwingend bis in jedes Detail gegliedert und ausmusiziert wurden; sei es der dynamische Aufbau, der keine Grenzen zu haben schien und manchmal auch mit Stärkegraden aufwartete, die den Bereich des Domestizierten verließen.

Das Programm war deutlich zweigeteilt. Dabei erregte der erste Teil durch seine nicht alltägliche Werkwahl gespannte Neugier. Er war eine „Klavier-Gala“ mit Werken, die von und für Klaviervirtuosen geschrieben waren und die in unauffällig-organischer Weise die eminent begabte Pianistin Karla-Maria Cording hervortreten ließen.

An der Spitze stand das viersätzige Trio g-Moll, op. 8, von Frédéric Chopin. Mit jugendlich-explosivem Zugriff eröffnet das Klavier den Kopfsatz, erteilt aber sofort dem Melodiker Chopin mit einem gesangvoll strömenden Thema das Wort. Ein verbindlich schmiegsames Thema prägt das Scherzo, das in ein liebliches Walzer-Trio mündet. Pathetisch beginnt der 3. Satz, der zunächst unter seelischem Überdruck zu stehen scheint, aber dann, in sich versunken und verträumt, ausklingt. Das Finale gehört – ebenso wie der Kopfsatz – überwiegend dem Klavier, das mit Brillianz das Werk des 18-jährigen zu Ende führt.

Gespannt sah man den beiden nächsten Nummern entgegen: Transkriptionen Liszt’scher Kompositionen: einmal die „Ungarische Rhapsodie“ Nr. 9, der „Pesther Karneval“ genannt, in einer Eigenbearbeitung des Komponisten, und dann die sinfonische Dichtung „Orphée“ in einer Transkription von Camille Saint-Saёns.

Franz Liszt hat zahlreiche „Ungarische Rhapsodien“ veröffentlicht, die er für ungarische Volksmusik hielt. Das war zwar falsch; aber dennoch sind dabei effektvolle und gern gehörte Werke entstanden wie der „Pesther Karneval“, der mit seiner dem Czárdás entliehenen Steigerung vom langsamen „Lassu“ zum rasanten „Friss“ (Friska) die Hörer heute noch vom Stuhl reißt.

Liszt nutzt dabei alle Möglichkeiten der drei Instrumente vom vollen Einsatz bis zur glitzernden Durchsichtigkeit,. Eine zentrale Rolle kommt dabei natürlich der Pianistin zu, der Liszt – neben der ganz „normalen“ Virtuosität – keine seiner halsbrecherischen Kadenzen erspart.

Nicht der reißerische Effekt, sondern der schöne Klang, „der ein unwiederstehliches Licht über die widerstrebenden Elemente ergießt“ (so Liszt) bildet den Inhalt dieser kurzen sinfonischen Dichtung, die Liszt als Gelegenheitskomposition zum Geburtstag der Großherzogin von Weimar schrieb. Ruhige, weit ausschwingende melodische Linien der Streicher und harfenartige Akkorde des Klaviers bestimmen das klangliche Erscheinungsbild.

Nach der Pause stand „nur“ noch ein Werk auf dem Programm. Aber was für eins! Das Trio Es-Dur, D 929, von Franz Schubert, ein Werk von wahrhaft „himmlischer Länge“ mit einer Dauer von 45 min. und einem Umfang von 1268 Takten. Damit sprengt es alle Dimensionen. 1827 entstanden, gehört es zu den wenigen Kammermusikwerken des Wiener Meisters, die nicht nur zu dessen Lebzeiten aufgeführt, sondern sogar verlegt wurden.

Der großräumig angelegte 1. Satz beginnt energiegeladen – wie im Zorn. Die Mißstimmumg entlädt sich im Dialog der beiden Streicher und in den Klangkaskaden des Klaviers. Ein betörend schönes Cello-Thema führt im zweiten Satz geradewegs in den Musikantenhimmel, aus dem im dritten Satz ein seliges Musizieren herübertönt, ehe das Finale – nach Faust Wort „Verweile doch, du bist so schön“ – einfach kein Ende finden mag.

Langer Beifall dankte den drei Künstlern für ein Konzert, das mit seiner vollendeten Schönheit noch lange nachklingen wird.

Trotz weit vorgerückter Stunde bedankten sich die Künstler noch mit einer Zugabe: dem langsamen Satz aus Beethovens Klaviertrio Nr. 1 aus op. 1.

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